Praxis

Friedensarbeit braucht verschiedene Wege – als Begleiterin eines lokalen Beratungsbüros für rückkehrende Flüchtlinge in Bosnien

zurück

Lange Zeit hatte ich den Spruch einer australischen Ureinwohnerin auf meinem Schreibtisch stehen:

“If you have come to help me, you are wasting your time.
But if you have come because your liberation is bound up with mine,
Then let’s work together” (Lilah Watson)


Dieser Spruch beschreibt eindrücklich, was ich unter Friedensarbeit verstehe: Friedensarbeit geschieht nicht einseitig, Friedensarbeit kann nur passieren durch gemeinsame Schritte. Wir sind aufeinander angewiesen. Uns verbinden geschichtliche Zusammenhänge, in denen wir aneinander schuldig geworden sind, sowie die globalen Zusammenhänge unseres alltäglichen Lebens, die aus uns Täter und Täterinnen und Opfer machen. Wir brauchen gemeinsame Visionen für ein gerechtes und menschenwürdiges Leben, das die Bewahrung der Umwelt miteinschliesst und in der gegenseitigen Achtung unserer Kultur, Religion und Persönlichkeit deutlich wird.

Als 1991 der Krieg in Jugoslawien begann, war ich betroffen von dem in Deutschland zunehmenden Fremdenhass, der sich im Abbrennen von Flüchtlingsheimen und in gewalttätigen Angriffen gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerbern äusserte. Die deutsche Aussenpolitik anerkannte Kroatien als eigenen Staat, ohne über den Schutz der Minderheiten zu verhandeln, was m.E. zu einer Verschärfung der politischen Situation führte. Ich folgte 1992 einem Aufruf einer kroatischen Studentengruppe “sunsocret” und arbeitete als Freiwillige in einem Flüchtlingslager. Jahre später erkannte ich, dass mein Engagement viel tiefere Wurzeln hatte. Ich besuchte mit einer Frau aus der jüdischen Gemeinde in Sarajevo alte Menschen, die Auschwitz überlebt hatten und nun die Belagerung Sarajevos während des Bosnien-Krieges. Sie merkte meine Bedrückung und sagte: “Wir beide waren noch nicht geboren, als der Holocaust begann. Jetzt können wir gemeinsam für den Frieden arbeiten.”

Das Leid der Flüchtlinge hat mich dann nicht mehr losgelassen. Als Ende 1992 die Massenflucht der Muslime aus Bosnien einsetzte, machte die Bundesregierung die Grenzen dicht. So wurde es für Flüchtlinge nur möglich, heimlich über die Grenzen zu kommen oder mit einer Einladung durch private GastgeberInnen.

In einer Privatinitiative folgten wir dem Aufruf einer Bonner Initiative und luden bosnische Flüchtlinge ins Wendland ein und begleiteten sie, bis im Mai dieses Jahres die beiden letzten im Wendland verbliebenen Familien eine Aufenthaltsgenehmigung bekamen.

1996 war es wiederum die deutsche Aussenpolitik, die uns handeln liess. Nach dem Abkommen von Dayton 1995 verlangte sie die “freiwillige” Ausreise der Flüchtlinge und drohte gleichzeitig mit Abschiebung. Im Sommer 1996 machten wir uns auf den Weg nach Bosnien, um die Situation dort im Lande zu erkunden und mit unseren Erfahrungen und unserem Wissen uns für ein Bleiberecht der Flüchtlinge im Landkreis einzusetzen.

Die lange Zeit, in der die Flüchtlinge im Wendland lebten, war eine Zeit des mühsamen Lernens und Aufeinanderzugehens für alle Beteiligten. Zunächst waren es die politischen Auseinandersetzungen, die uns beschäftigten, und zwar auf der Ebene des Landkreises, sowie der Landes- und Bundesregierung, wo wir immer wieder über die restriktiven Erlasse in bezug auf die Flüchtlinge stolperten. Sodann mussten wir lernen, im alltäglichen Leben miteinander umzugehen Da waren die kulturellen Unterschiede, die sich im gemeinsamen Wohnen als Problem auftaten. Vor allem aber war es unsere Unkenntnis in bezug auf traumatische Erfahrungen unserer MitbewohnerInnen, die uns das Zusammenleben schwierig machte. Gleichzeitig lernten wir viel über uns, über das Fremde, womit wir uns auch in uns auseinandersetzen mussten, über Trauerprozesse, über unsere Grenzen, was die Achtung kultureller Unterschiede betrifft.

Ein wesentliches Moment von Friedensarbeit ist für mich die Beauftragung durch diejenigen, mit denen ich zusammenarbeite. Zu oft habe ich in Bosnien internationale Mitarbeiter erlebt, die die Menschen vor Ort als “Untergebene” behandeln, hierarchische Strukturen aufbauen, nicht bereit sind, mit lokalen Organisationen zusammenzuarbeiten und sich auch nicht die Mühe machen, sie in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

Aber wie können Menschen beginnen, demokratische Strukturen aufzubauen, für die Zukunft ihrer Gemeinde bzw. ihres Landes einzutreten, wenn sie bevormundet werden?

Im Frühjahr 1999 bat mich der Vorstand eines bosniakischen/muslimischen Flüchtlingvereins in Sanski Most, in der Föderation von BiH, ihm zu helfen, in seiner Heimatstadt Kozarska Dubica in der Republik Serpska ein Beratungsbüro für rückkehrwillige Flüchtlinge aufzubauen. Ich versprach, in Deutschland eine Unterstützergruppe für diese Arbeit zu suchen und fuhr im September 1999 mit der 1. Gruppe von RückkehrerInnen nach Koz. Dubica und richtete mit einem Vertreter des Vereins das Büro ein.

Inzwischen arbeiten in dem Beratungsbüro 4 lokale MitarbeiterInnen auf Honorarbasis: eine Friedensfachkraft, die in Deutschland an dem 1. Qualifizierungskurs teilgenommen hat, ein Rechtsanwalt, eine Krankenschwester und ein Vertreter des Vereins. Zurückgekehrt sind bis heute über 900 bosniakische/muslimische EinwohnerInnen der Stadt von ungefähr 7000 vor dem Krieg. Das Büro ist zu einem wichtigen Ort in der Stadt geworden. Menschen kommen und erzählen ihre Geschichte. Sie bitten um rechtliche Hilfe, um ihre Häuser zurückzubekommen. Sie fragen nach finanziellen Möglichkeiten zum Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser bzw. nach Material, um ihre zurückerhaltenen Häuser wieder instandzusetzen.Viele brauchen medizinische bzw. humanitäre Hilfe. Das Büro ist darüberhinaus zu einem Ort der Begegnung für Frauen aus der Stadt geworden. In diesem Frühjahr hat es das 1. Frauenseminar nach dem Krieg gegeben mit dem Thema “Frauenfriedensschritte”. Es haben sich bosniakische/muslimische und serbische Frauen mit Frauen aus Ost- und Westdeutschland getroffen. Die Frauen aus Dubica haben diese Treffen fortgesetzt und planen für das Winterhalbjahr neben regelmässigen Treffen mehrere Aktivitäten, z. B. die Einrichtung eines Besuchsdienst für alte Menschen und handwerkliche workshops. Bei diesen Treffen passiert Begegnen, Erinnern, Nähe wagen, vielleicht irgendwann Zusammenrücken und Aufstehen für die gemeinsamen Interessen gegen die, die aufeinanderhetzen.

Meine Rolle in dem Team ist zum einen, in Deutschland Lobbyarbeit zu machen und den Menschen Gehör zu verschaffen, indem ich Artikel schreibe und von der Arbeit vor allem in kirchlichen Gruppen berichte. Eine andere wichtige Aufgabe ist, in Deutschland für die Arbeit im Beratungsbüro Gelder zu beschaffen. Ich bin mit dem Oekumenischen Dienst in Wethen eine Kooperationspartnerschaft in bezug auf dieses Projekt eingegangen. Die Spendengelder von Einzelnen, von Kirchengemeinden und kirchlichen Gruppen werden über den Oekumenischen Dienst abgerechnet, so daß sie steuerabzugsfähig sind. Umgekehrt hat das Beratungsbüro gegenüber dem Oekumenischen Dienst die Jahresabrechnung zu verantworten. In einer regelmäßige Evaluirung des Projektes durch den Oekumenischen Dienst wird über die Arbeit im Projekt Rechenschaft abgelegt und die zukünftige Entwicklung besprochen. Für mich ist diese Kooperationspartnerschaft entlastend, da sie mir Rückhalt gibt. Die bosnischen MitarbeiterInnen erleben ihren Kontakt mit dem Oekumenischen Dienst als ermutigend.

Ich fahre 3 bis 4 mal im Jahr nach Koz. Dubica. In der Anfangszeit bin ich mehrere Wochen geblieben, jetzt bleibe ich ein bis zwei Wochen. Meine Aufgabe ist, den MitarbeiterInnen zuzuhören, nachzufragen, die tägliche Arbeit mit ihnen zu reflektieren, gemeinsam Entwicklungslinien und Veränderungen aufzuzeigen und Perspektiven zu entwickeln. Die MitarbeiterInnen würden meine wichtigste Aufgabe sicherlich darin sehen, dass ich sie ermutige und bestärke.

Besonders in der ersten Zeit hätte ich es manchmal entlastend gefunden für die Arbeit im Beratungsbüro, wenn ich ständig vor Ort gewesen wäre. Der Kontakt zu internationalen und lokalen Organisationen wäre sicherlich leichter vonstatten gegangen. Aber dann hätte ich die Arbeit bestimmt und die Türen wären geöffnet worden, weil ich eine “Internationale” bin und vielleicht hätte es internationale Gelder gegeben, weil ich vor Ort gewesen wäre. Ich wollte aber nicht Teil der mächtigen Internationalen Gemeinschaft sein, die im Lande festsitzt, für bosnische Verhältnisse einen Haufen Geld verdient und einen weiteren ziemlich unkoordiniert verteilt nach ihren Bedingungen und für mich als Aussenstehende nicht durchschaubaren Kriterien.

So kehrten die MitarbeiterInnen an ihren Heimatort zurück und mussten als erstes mühevoll lernen, dass sie keine Flüchtlinge mehr waren, sondern Rechte in der Stadt hatten. Das war ein sehr schwieriger Entwicklungsprozess, weil in der Anfangszeit die Bedrohung durch Gewalttätigkeit derer, die die Rückkehr der Menschen verhindern wollten, allgegenwärtig war. Eine ebenfalls schwierige Aufgabe im Büro war, die Geschichten der Menschen auszuhalten, die doch ihre eigenen Geschichten waren, ohne daran zu verzweifeln, und in ähnlicher Weise die Enttäuschungen der Menschen, die mit der Illusion kommen, dass das Beratungsbüro ihre Probleme lösen kann.

In dem Masse, wie die MitarbeiterInnen selbstbewusst ihre Aufgaben übernahmen, fingen sie an, beharrlich mit den internationalen Organisationen in Kontakt zu treten und wurden mit der Zeit für diese Ansprechpartner, wenn es um Informationen in der Stadt ging Sie wurden eingeladen, an einem “Runden Tisch” teilzunehmen, den der Vertreter des OHR einrichtete, um die besetzten Häuser, den rechtmässigen Besitzern zurückzugeben. Sie nahmen Verbindung auf zu dem Bürgermeister und Verwaltungen der Kommune und stellten für diese Anträge beim UNHCR, wenn es um die Wasserversorgung und Elektrifizierung von Stadtteilen ging. In der Anfangszeit bin ich als Begleitperson mitgegangen, als jemand, die die Türen leichter öffnen konnte, aber ich habe nicht die Verhandlungen geführt. Im Nachherein haben wir die Gespräche reflektiert.

Auch in Bosnien hatte ich immer wieder innezuhalten und mein Tun zu reflektieren. Die Frage nach dem Sinn meines Dortseins hat mich ständig begleitet. Es ist ein Nachkriegsland, wo viele offen oder aus dem «Dunkel» heraus mitregieren. Als die ersten Flüchtlinge zurückkehrten, lag Aggression wie eine Dunstglocke über der Stadt und war nicht faßbar. Die berechtigte Angst meiner muslimischen Vermieterin vor Gewalttätigkeit ließ mich nicht unberührt. Zum Glück hatte ich in der 70 km entfernten Hauptstadt Banja Luka Kolleginnen, die ich besuchen konnte und auf diese Weise immer wieder Abstand bekam. Hinderlich bis hin zur Schmerzgrenze erlebe ich meine Sprachlosigkeit. Meine Unkenntnis der bosnischen Sprache ist im Kontakt mit den MitarbeiterInnen im Beratungsbüro nur bedingt hinderlich, da sie gute deutsche Sprachkenntnisse haben, aber ich bin im Mitleben immer auf Übersetzung angewiesen. Dennoch glaube ich, dass die Menschen meine Anteilnahme spüren.

Fremd ist mir noch heute die andere Arbeitsweise meiner KollegInnen im Büro, die von mir manchmal eine gehörige Portion Geduld erfordert, und umgekehrt werden sie Schwierigkeiten haben mit meiner Art zu planen, zu strukturieren und meinem Arbeitstempo. Eine Verführung war für mich oftmals, wenn sie mir vermittelten: «Sag Du, wo es lang geht». Aber das wollte ich ja gerade nicht, und von daher war es nötig, ihren Arbeitsstil zu akzeptieren.

Ich war gebeten worden vor 2 Jahren, bei der Einrichtung eines Beratungsbüros zu helfen. Inzwischen ist es eine gut funktionierende Institution, deren Entwicklung für die MitarbeiterInnen eine Herausforderung gewesen ist. Aber ich habe auch von Anfang gespürt, dass es ihre Sache war. Sie wollten in ihrer Stadt, aus der sie während des Krieges vertrieben worden sind, wieder ankommen und Verantwortung übernehmen, die Zukunft mitgestalten. Mein Beitrag zu ihrer Arbeit ist, sie zu ermutigen und ihnen meine Kompetenz als Begleiterin zur Verfügung zu stellen. Sicherlich werden sie noch länger finanzielle Unterstützung brauchen, und insofern werde ich dem Projekt verbunden bleiben. Ansonsten aber denke ich darüber nach, ob mein Teil der Beratung nicht von einer Person im Lande geleistet werden kann.

Luckau, 11. 08. 01 Heike Mahlke

zurück

© 2005 | Oekumenischer Dienst Schalomdiakonat | info@schalomdiakonat.de